Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba

Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba

Ein Hase, zwei Hasen, überall Hasenfiguren auf dem Gelände des Groß-Schreins von Izumo! Sind das Osterhasen? Aber in Japan gibt es unser Osterfest doch gar nicht. Meine japanischen Bekannten mussten etwas ausholen, um mir zu erklären, weshalb im Izumo-Taisha so viele Hasen-Steinfiguren stehen, die für mich wie eine deutsche Osterdekoration aussahen …

Im April 2016 haben japanische Bekannte mit mir einen Ausflug zum Groß-Schrein von Izumo (出雲 / いずも), japanisch: Izumo-Taisha (出雲大社 / いずもおおやしろ / いずもたいしゃ), in der Präfektur Shimane gemacht. Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich im weitläufigen Park, der die Schreingebäude umgibt, viele Stein-Hasenfiguren entdeckte. Jetzt hätte nur noch gefehlt, dass ich Schoko-Ostereier gefunden hätte! – Aber dass diese Figuren wie deutsche Osterhasen aussehen, ist ein Zufall. Um das Missverständnis aufzuklären, erzählten mir meine Bekannten nun die Geschichte vom weißen Hasen von Inaba.

Der weiße Hase von Inaba (因幡の白兎 / いなばのしろうさぎ)

Im Groß-Schrein von Izumo, japanisch: Izumo-Taisha (出雲大社 / いずもおおやしろ / いずもたいしゃ), wird der Gott Ōkuninushi (大国主 / おおくにぬし) verehrt.

Ōkuninushi trägt ursprünglich den Namen Ōnamuchi-no-kami (大穴牟遲神 / おおなむぢのかみ) – „kami“ (神 / かみ) ist das japanische Wort für „Gott(heit)“. Er hat viele Brüder – „80 Götter“ (八十神 /やそがみ) genannt. Diese können ihn nicht leiden.

Eines Tages machen sich die Brüdern auf den Weg nach Inaba (因幡 / いなば). Sie möchten die Prinzessin Yagami (八上比賣 / やがみひめ) freien. Ihren ungeliebten Bruder Ōkuninushi nehmen sie quasi als Gepäckträger mit.

Die List des Hasen

Auf der Reise treffen sie auf einen felllosen Hasen, der furchtbare Schmerzen leidet. – Der Hase hatte, um von der Insel Oki (隠岐の島 / おきのしま) aufs Festland zu gelangen, die Haie – Wanizame (ワニザメ / わにざめ) genannt – getäuscht. Er hatte behauptet, er wolle nachzählen, welche ihrer beider Sippen zahlreicher sei: die Sippe der Hasen oder die der Wanizame. Um sie vorgeblich zählen zu können, hatte er alle Wanizame angewiesen, sich in einer Reihe zu positionieren. Indem er nun so tat, als zähle er sie ab, hoppelte er über ihre Rücken hinweg ans Festland.

Allerdings hatte er, kurz bevor er ans Land sprang, seine List offenbart. Der letzte Wanizame hatte da wutentbrannt nach ihm geschnappt und ihm das Fell abgezogen.

Böser Rat der Götterbrüder und guter Rat von Ōkuninushi

Ōkuninushis Brüder geben dem Hasen den böswilligen Rat, in Meerwasser zu baden und sich dann auf einem Berggipfel vom Wind und der Sonne trocknen zu lassen. Als der Hase ihrem Rat folgt, lässt das getrocknete Meersalz seine Haut überall aufplatzen, sodass sich seine Leiden noch verschlimmern.

Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba (Foto: Copyright 2016 fduprel)
Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba (Foto: © 2016 fduprel)

Ōkuninushi, der ja das Gepäck der Brüder trägt, kommt schließlich auch am Hasen vorbei und fragt ihn, warum er weine. Der Hase erzählt ihm noch einmal seine ganze Geschichte, einschließlich des Rats der Brüder und der Folgen.

Im Gegensatz zu seinen gemeinen Brüdern rät Ōkuninushi dem leidenden Tier, in frischem Quellwasser zu baden und sich im Blütenstaub des Rohrkolbens, japanisch: gama (蒲 / がま), zu wälzen. Dieser Rat führt tatsächlich zur vollständigen Heilung des Hasen.

Der dankbare Hase, der in Wirklichkeit eine Gottheit ist, prophezeit Ōkuninushi, dass er (und nicht einer seiner Brüder) Prinzessin Yagami heiraten wird.

Weitere Hasenbilder in Izumo

Übrigens habe ich in Izumo noch weitere Hasenbilder gesehen. Zum Beispiel gab es in der Geschäftsstraße, die zum Schrein-Gelände führt, ein Geschäft names Kozuchi (こづち), das auf seine Ladenschilder schöne Hasenbilder gemalt hatte:

Und bei einem Abstecher zum ehemaligen Bahnhof, dem Kyū-Taisha-Eki, fand ich an einer Treppe zu den Gleisen folgende metallene Bodenplatte mit Hasenbild:

Bodenplatte mit Hasenbild beim Kyuu-Taisha-Eki von Izumo (Foto: Copyright 2016 fduprel)
Bodenplatte mit Hasenbild beim Kyū-Taisha-Eki von Izumo (Foto: © 2016 fduprel)

Der Kyū-Taisha-Eki (旧大社駅 / きゅうたいしゃえき) wurde 1912 eröffnet. Das heute noch stehende Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1924. Der Bahnbetrieb wurde 1990 eingestellt. Das Besondere am Bahnhofsgebäude ist sein schreinartiger Baustil. Beim Bau wurden traditionelle japanische gerundete Dachschindeln und viel Holz verwendet.

Taisha-Eki von Izumo (Foto: Copyright 2016 fduprel)
Taisha-Eki von Izumo (Foto: © 2016 fduprel)

Frohe Ostern!

„Japan begeistert!“ wünscht euch ein schönes Osterfest! Sicher wart ihr alle zu Hasen genauso nett wie Ōkuninushi, sodass euch der Osterhase viele leckere Eier gebracht hat, oder?

Zwei Hasenfiguren auf dem Gelände des Izumo-Taisha (Foto: © 2016 fduprel)
Zwei Hasenfiguren auf dem Gelände des Izumo-Taisha (Foto: © 2016 fduprel)

Quellen/Linktipps

Schreibe einen Kommentar

*