Film-Kritik: „Close-Knit“ (2017) – 彼らが本気で編むときは、。。。

Film-Kritik: „Close-Knit“ (2017) – 彼らが本気で編むときは、。。。

Letzte Beitragsänderung erfolgte am 09.01.2018.

Ikuta Tōma als Transsexuelle und 108 gestrickte Penisse?! – Das mag auf den ersten Blick etwas vulgär klingen, ist aber eigentlich eine gute Ultrakurz-Zusammenfassung für den wunderbar liebevollen Film „Close-Knit“ („彼らが本気で編むときは、“ / „かれらがほんきであむときは“), der 2017 erschienen ist …

Der japanische Film „Close-Knit“ – japanisch: „Karera ga Honki de Amu toki wa“ (彼らが本気で編むときは、 / かれらがほんきであむときは) – lief auf der Berlinale 2017 im „Panorama Special“. Vielleicht haben wir es diesem Umstand zu verdanken, dass es nun eine japanische DVD-Ausgabe mit englischen Untertiteln gibt? DVD-Ausgaben japanischer Filme mit englischen Untertiteln sind in Japan ja sonst leider die Ausnahme …

Zum Inhalt des Films

Die elfjährige Tomo ist das, was man als vernachlässigtes Kind bezeichnen darf: Ihre alleinerziehende Mutter kommt nach der Arbeit erst spät nachts, meist betrunken nach Hause, lässt die Wohnung verwahrlosen und hinterlässt ihrer Tochter als Frühstück convenience food, nämlich abgepackte Onigiri (Reisbällchen) aus dem Supermarkt. In bestimmten Abständen schmeißt sie ihren Job hin und lässt ihre Tochter ganz im Stich, um mit irgendeinem Mann zu verschwinden.

Als es wieder einmal soweit ist, sucht Tomo wie schon früher Unterschlupf bei ihrem Onkel Makio. Doch in dessen Haushalt hat sich etwas verändert: Er lebt jetzt mit Rinko zusammen, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat. Rinko ist Krankenschwester, pflegt im Seniorenheim Makios Mutter und ist ihm eine gute, zärtliche Hausfrau. Nur eine Sache ist besonders: Sie wurde als Mann geboren und hat sich zur Frau umoperieren lassen. Daran muss sich Tomo erst einmal gewöhnen. Was ihr aber nicht wirklich schwerfällt, weil sie bei Rinko alles findet, was ihr bei ihrer Mutter gefehlt hat: geordnete Strukturen, gutes Essen, Zuwendung, Geborgenheit …

Doch wie reagiert Tomos Umgebung? Darf Rinko als Transfrau die gleichen Träume hegen wie „biologische“ Frauen? Was geht vor: eine richtig liebevolle Mutter oder die richtige Mutter? – Ohne Narben an der Seele kommt am Ende keine Figur aus dieser zärtlich-wehmütigen Geschichte heraus …

Mehr verrate ich nicht. Falls ihr wissen wollt, was es mit den eingangs erwähnten 108 gestrickten Penissen auf sich hat und welche Rolle das Stricken spielt, schaut euch „Close-Knit“ an!

Trailer zu „Close-Knit“

Trailer mit englischen Untertiteln auf YouTube.

Meine Meinung zum Film

Drehbuch/Story

Ein wirklich schöner Film! Regisseurin und Drehbuchautorin Ogigami Naoko (荻上 直子 / おぎがみ なおこ) vermeidet Schwarz-Weiß-Malerei und schafft glaubwürdige Charaktere. Sie zeigt, wie sich seelische Verletzungen unterbewusst durch mehrere Generationen einer Familie ziehen können, auch wenn die Familienmitglieder genau das zu vermeiden suchen. Sie hinterfragt gesellschaftliche Ansprüche an Familie und das perfekte Frau-Sein, denn bei ihr stellen sich eine Patchwork-Familie und eine Transsexuelle als Ideal-Verkörperungen dieser Vorstellungen heraus. Rinko übererfüllt geradezu die gesellschaftlichen Ansprüche an die Rolle der japanischen Frau und muss dennoch damit leben, nicht als Frau anerkannt zu werden.

Einzig das Ende finde ich nicht überzeugend. Meiner Meinung nach hat Ogigami Naoko da um der Dramatik willen eine Entweder-Oder-Lösung gewählt, die die Familie auch leicht durch einen Kompromiss hätte ersetzen können.

Schauspielerische Leistung

Was für einen Weg hat Ikuta Tōma (生田 斗真 / いくた とうま) da doch in seiner schauspielerischen Karriere zurückgelegt! 2007 tanzte er noch als Nakatsu Shūichi (中津 秀一 / なかつ しゅういち) in einer Szene der Jugend-TV-Serie „Hana-Kimi“ (花ざかりの君たちへ / はなざかりのきみたちへ) vor Erleichterung, doch nicht wie befürchtet homosexuell zu sein, auf dem Tisch, mit Mädchen-Höschen auf dem Kopf und mit BH und sang dazu „Ore wa homo ja nai!“ (俺はホモじゃない!/ おれはほもじゃない!), zu deutsch: „Ich bin nicht schwul!“ – Und jetzt, 2017, spielt er mit zärtlichen Gesten hingebungsvoll die Transfrau Rinko (リンコ / りんこ). Gerade weil er mit seinen großen Händen und Füßen nicht verleugnen kann, dass er ein Mann ist, zeigt er besonders gut, wie zerbrechlich Rinkos Frau-Sein ist.

Kakihara Rinka (柿原りんか / かきはら りんか) beeindruckt als Tomo (トモ / とも), die als vernachlässigtes Kind gewohnt ist, allein klarzukommen, aber sich schnell von Rinkos Wärme verzaubern lässt. Sie zeigt überzeugend, wie die Elfjährige zwischen der Übernahme der gesellschaftlichen Normen um sie herum und ihrer eigenen Wahrnehmung, was sie als „normal“ empfindet, schwankt.

Mein persönliches Fazit

Sehenswert!

Details zum Film

  • Titel: „Close-Knit“ (彼らが本気で編むときは、 / かれらがほんきであむときは)
  • Erscheinungsdatum (Deutschland, Berlinale): 10. Februar 2017
  • Erscheinungsdatum (Japan): 25. February 2017
  • Dauer: 99 Min.
  • Regie: Ogigami Naoko (荻上 直子 / おぎがみ なおこ)
  • Drehbuch: Ogigami Naoko (荻上 直子 / おぎがみ なおこ)
  • Produktion: Iguchi Takashi, Hayakawa Satoshi
  • Kamera: Shibazaki Kōzō (柴崎 幸三 / しばさき こうぞう)
  • Musik: Eto Naoko (江藤直子 / えと なおこ)
  • Darsteller:
    • Kakihara Rinka (柿原りんか / かきはら りんか) als Tomo (トモ / とも), Hiromis Tochter, Makios Nichte, Sayuris Enkelin
    • Ikuta Tōma (生田 斗真 / いくた とうま) als Rinko (リンコ / りんこ), Makios Lebenspartner, Krankenschwester
    • Takahashi Fūto (高橋楓翔 / たかはし ふうと) als Rinko bzw. Rintarō im Mittelschul-Alter
    • Kiritani Kenta (桐谷健太 / きりたに けんた) als Makio (マキオ / まきお), Rinkos Lebenspartner und Tomos Onkel, Buchhändler
    • Mimura (ミムラ) als Hiromi (ヒロミ / ひろみ), Tomos Mutter, Makios Schwester
    • Lily (りりィ) als Sayuri (サユリ / さゆり), Tomos Großmutter, Mutter von Makio und Hiromi
    • Tanaka Misako (田中 美佐子 / たなか みさこ) als Fumiko (フミコ / ふみこ), Rinkos Mutter
    • Kashiwabara Shuji (柏原 収史 / かしわばら しゅうじ) als Yoshio (ヨシオ / よしお), Fumikos Lebensgefährte
    • Komie Kaito (込江海翔 / こみえ かいと) als Kai (カイ / かい), Tomos Klassenkamerad
    • Koike Eiko (小池栄子 / こいけ えいこ) als Naomi (ナオミ / なおみ), Kais Mutter
    • Kadowaki Mugi (門脇 麦 / かどわき むぎ) als Yuka (佑香 / ゆか), Rinkos Kollegin
    • Shinagawa Tōru (品川 徹 / しながわ とおる) als Saito (斉藤 / さいと), Bewohner des Seniorenheims
    • Eguchi Noriko (江口 のりこ / えぐち のりこ) als Kanai (金井 / かない), Mitarbeiterin der Erziehungsberatungsstelle

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