Filmkritik: „Chihayafuru: kami no ku“ (Teil 1, 2016) – 「ちはやふる 上の句」

Filmkritik: „Chihayafuru: kami no ku“ (Teil 1, 2016) – 「ちはやふる 上の句」

Letzte Beitragsänderung erfolgte am 28.11.2018.

Wie schaffen es Japaner nur, sich hundert Gedichte einzuprägen? Und dann auch noch, jedes Gedicht allein anhand der ersten Silben wiederzuerkennen? – Diese Fähigkeit ist jedenfalls nötig, um erfolgreich Wettkampf-Karuta zu spielen. Und in „Chihayafuru: kami no ku“ geht es nur um das eine: um Karuta! Aber dabei auch um Freundschaft, Liebe und Team-Bildung, um Siegen und Verlieren …

Hintergrund

Die Filmreihe „Chihayafuru“ basiert auf dem erfolgreichen Manga „Chihayafuru“ (『ちはやふる』) von Suetsugu Yuki (末次由紀 / すえつぐ ゆき), der seit Ausgabe 2/2008 im Manga-Magazin „BE LOVE“ des Verlags Kōdansha erscheint.

Für die Real-Verfilmung wurde die Geschichte auf drei Teile aufgeteilt, mit einer zusätzlichen Mini-Serie zwischen Teil 2 und 3:

Anmerkung sprachlicher Natur:

Die Bezeichnungen von Teil 1 und Teil 2 des Films beruhen auf der Gliederung eines Tanka-Gedichts:

  • „kami no ku“ (上の句 / かみのく) bedeutet eigentlich: erster Teil eines Tanka-Gedichts, d. h. die ersten 17 Silben – 5-7-5 – eines Tanka, in der Literaturwissenschaft „Oberstollen“ genannt.
  • „shimo no ku“ (下の句 / しものく) bedeutet: zweiter Teil eines Tanka-Gedichts, d. h. die folgenden 14 Silben – 7-7 – eines Tanka, in der Literaturwissenschaft „Anschluss- oder Unterstollen“ genannt.

Ein Tanka (短歌 / たんか), wörtlich: „Kurzgedicht“, ist eine reimlose japanische Gedichtform (Waka), die um die 1.300 Jahre alt ist. Ein Tanka besteht aus 31 Moren (= japanische Silben oder „Sprechzeiten“, inkl. des „n“ (ん), das im Japanischen allein, d.h. ohne Vokal stehen kann und auch eine More ist; lange Vokale zählen als zwei Moren).

Die Gliederung der ersten beiden Filmteile in „kami no ku“ und „shimo no ku“ erinnert damit auch an die Aufteilung der Karten des Karuta-Sets der „Hyakunin Isshu“ (百人一首 / ひゃくにん いっしゅ) in Lesekarten, „yomifuda“ (読札 / よみふだ) und Greifkarten, torifuda (取り札 / とりふだ). Denn auf einer Lesekarte findet sich das ganze Gedicht (kami no ku und shimo no ku) und auf der Greifkarte nur der Unterstollen (shimo no ku).

Yomifuda und torifuda beim Hyakunin Isshu Karuta (Foto: ©2017 fduprel)
Yomifuda und torifuda beim Hyakunin Isshu Karuta (Foto: © 2017 fduprel)

Das Wort „musubi“ (結び / むすび) im Namen des dritten Filmteils bedeutet einfach „Schluss“.

Zum Inhalt des Films „Chihayafuru: kami no ku“

Chihaya: ein nach Karuta verrücktes Mädchen seit Grundschul-Tagen

Ayase Chihaya ist verrückt nach dem japanischen Kartenspiel „Karuta“ (かるた) – genauer gesagt: nach Wettkampf-Karuta, kyōgi karuta (競技かるた / きょうぎかるた), bei dem die Spieler die hundert Gedichte der Sammlung „Hyakunin Isshu“ (百人一首 / ひゃくにん いっしゅ) auswendig beherrschen und körperlich fit und reaktionsschnell sein müssen.

Sie hat das Spiel in Grundschultagen von ihrem Klassenkameraden Wataya Arata gelernt, der ein Karuta-Genie und Enkel des ehemaligen, langjährigen Karuta-Großmeisters (= Meijin) Wataya Hajime ist. Zusammen mit Mashima Taichi bildeten sie in der Grundschule ein erfolgreiches Wettkampf-Karuta-Trio. Als Arata jedoch von Tōkyō zurück in seine Heimatstadt Fukui ziehen musste, endete die Erfolgsgeschichte der drei Kinder, die sich danach aus den Augen verloren. Chihaya blieb Karuta jedoch treu, weil es für sie ein Band zwischen ihr und ihren beiden Kindheitsfreunden darstellt.

Gründung eines karuta-Clubs an der High School

Im ersten Jahr der High School trifft sie nun wieder auf Taichi. Sie überredet ihn, mit ihr einen Karuta-Club zu gründen. Damit dieser „Mizusawa Karuta Club“ von der Schule genehmigt wird, müssen sie jedoch noch drei weitere Teilnehmer finden. Mit einigen Schwierigkeiten gewinnen sie für ihren Club folgende Mitschüler:

  • Nishida Yūsei, dessen Namen Taichi und Chihaya zu „Nikuman-kun“ (dt.: „Fleischteigtasche“) verballhornen und der zu Grundschultagen schon relativ erfolgreich Karuta gespielt hat, aber gegen Arata keine Chance hatte,
  • Ōe Kanade, die nur wegen ihrer Liebe zu den Tanka-Gedichten dem Club beitritt und zunächst von der Grobheit des Wettkampf-Karuta abgeschreckt ist, und
  • Komano Tsutomu, genannt „Tsukue-kun“, d. h. „Tisch“, weil er immer allein an seinem Tisch sitzt und paukt, um eines Tages vor Taichi bester Schüler zu werden.

Chihaya verkündet sofort, dass sie nicht einfach nur einen Karuta-Club gründen wolle, sondern mit dem Team den nächsten Wettbewerb gewinnen möchte. Zunächst aber gilt es, einige Probleme zu bewältigen: Die Clubmitglieder müssen trainieren, sich näher kennenlernen, ihre persönlichen Schwächen und Ängste überwinden und von den Stärken der anderen lernen …

Wird es ihnen gelingen, ein echtes Team zu bilden und den Wettkampf zu gewinnen?

Trailer zu Teil 1: „Chihayafuru: Kami no Ku“


Vorschau (japanisch) auf YouTube.

Meine Meinung zum Film

Drehbuch/Story

Es ist natürlich nicht so leicht, ein Spiel, das sich über viele, viele Runden hinzieht, spannend in einen Film zu überführen. Durch entsprechende Raffungen ist dies hier aber gut gelungen.

Nicht so gut tut dem Film jedoch, dass die Beziehungsgeschichte zwischen Chihaya, Taichi und Arata über ingesamt drei Langfilme hin erzählt wird. Das hinterlässt zumindest bei mir einen leicht schalen Geschmack des Unvollendeten und Unrunden am Ende dieses ersten Films. OK, das ist von den Machern natürlich auch so gewollt, damit alle Zuschauer unbedingt auch Teil 2 und 3 sehen möchten.

Schauspielerische Leistung

Der Film wird getragen vom Schwung und der Intensität, die Hirose Suzu in die Rolle der Ayase Chihaya legt. Ihre Begeisterung für das Spiel steckt geradezu an und man möchte sofort beginnen, Karuta zu lernen. Besonders beeindruckt der Moment, als die Kamera Chihaya im Wettkampf fokussiert und diese ihre Augen öffnet!

Nomura Shūhei vermag mich in der Rolle des Mashima Taichi nicht ganz von seiner Liebe zu Chihaya und von seinem schlechten Gewissen gegenüber Arata zu überzeugen. Arata Mackenyu als Wataya Arata kommt sehr steif herüber. Wie gut seine Nachahmung des Fukui-Dialekts ist, kann nur ein Japaner beurteilen.

Yamoto Yūma füllt seine eher komisch angelegte Rolle als Nishida Yūsei gut aus. Kamishiraishi Mone gefällt mir in der Rolle der schwärmersichen Ōe Kanade auch sehr gut. Morinaga Yūki überzeugt mich aber noch mehr in seiner Rolle als verkopfter Außenseiter Komano Tsutomu, besonders, als er seiner Enttäuschung Ausdruck verleiht.

Mein persönliches Fazit

Sehenswert!

Der Film ist rasant, bunt, komisch und begeistert für Karuta. Einzig das Pathos, das um das Spiel aufgebaut wird, ist zum Teil etwas künstlich.

Details zum Film

Allgemeines:

  • Titel: „Chihayafuru Teil 1“ / „Chihayafuru kami no ku“ (ちはやふる 上の句 / ちはやふる かみのく)
  • Manga, auf dem der Film basiert: „Chihayafuru“ (『ちはやふる』) von Suetsugu Yuki (末次 由紀 / すえつぐ ゆき), ursprünglich fortlaufend in der Manga-Zeitschrift „BE LOVE“ (『BE LOVE』 / ビー ラブ) erschienen, Verlag: Kōdansha (講談社 / こうだんしゃ)
  • Erscheinungsdatum (Japan): 19. März 2016
  • Dauer: 111 Min.
  • Regie und Drehbuch: Koizumi Norihiro (小泉 徳宏 / こいずみ のりひろ)
  • Kamera: Yanagida Hirō (柳田 裕男 / やなぎだ ひろお)
  • Musik: Yokoyama Masaru (横山 克 / よこやま まさる)
  • Titellied: „FLASH“ von Perfume

 Darsteller:

  • Hirose Suzu (広瀬すず / ひろせ すず) als Ayase Chihaya (綾瀬 千早 / あやせ ちはや): seit der Grundschule mit Mashima Taichi und Wataya Arata befreundet; gründet einen Karuta-Club an ihrer High school in Tōkyō
  • Nomura Shūhei (野村 周平 / のむら しゅうへい) als Mashima Taichi (真島 太一 / ましま たいち): seit der Grundschule mit Ayase Chihaya und Wataya Arata befreundet; spielt Karuta eigentlich nur, weil er in Chihaya verliebt ist
  • Arata Mackenyu (新田 真剣佑 / あらた まっけんゆう) als Wataya Arata (綿谷 新 / わたや あらた): seit Grundschultagen in Tōkyō mit Ayase Chihaya und Mashima Taichi befreundet; wurde von den Freunden getrennt, da er in seine Heimatstadt Fukui zurückziehen musste; Karuta-Genie; Enkel des Karuta-Großmeisters Wataya Hajime
  • Yamoto Yūma (矢本 悠馬 / やもと ゆうま) als Nishida Yūsei (西田 優征 / にしだ ゆうせい): Highschool-Mitschüler von Chihaya und Taichi; Karuta-Spieler seit der Grundschule
  • Kamishiraishi Mone (上白石 萌音 / かみしらいし もね) als Ōe Kanade (大江 奏 / おおえ かなで): Highschool-Mitschülerin von Chihaya und Taichi; liebt die traditionelle japanische Hochkultur (Gedichte, Kimono etc.)
  • Morinaga Yūki (森永 悠希 / もりなが ゆうき) als Komano Tsutomu (駒野 勉 / こまぬ つとむ): Highschool-Mitschüler von Chihaya und Taichi; Eigenbrödler und Streber
  • Shimizu Hiroya (清水 尋也 / しみず ひろや) als Sudō Akihito (須藤 暁人 / すどう あきひと): Klasse-A-Karuta-Spieler; Mitglied des Hokuo Academy Karuta Clubs; gegenüber seinen Gegnern tritt er als Sadist auf
  • Sakaguchi Ryōtarō (坂口 涼太郎 / さかぐち りょうたろう) als Kinashi Hiro (木梨 浩 / きなし ひろ): Mitglied des Hokuo Academy Karuta Clubs
  • Matsuda Miyuki (松田 美由紀 / まつだ みゆき) als Miyauchi Taeko (宮内 妙子 / みやうち たえこ): Lehrerin an der Mizusawa High School; Betreuungslehrerin des Karuta Clubs
  • Kunimura Jun (國村 隼 / くにむら じゅん) als Harada Hideo (原田 秀雄 / はらだ ひでお): Leiter eines Karuta-Vereins; Karuta-Lehrer von Arata, Chihaya und Taichi in Grundschultagen
  • Tsukayama Masane (津嘉山 正種 / つかやま まさね) als Wataya Hajime (綿谷 始 / わたや はじめ): Wataya Aratas Großvater, ehemaliger, langjähriger Karuta-Großmeister (= „Meijin“)
  • Hirose Alice (広瀬 アリス / ひろせ アリス) als Ayase Chitose (綾瀬 千歳 / あやせ ちとせ): Chihayas ältere Schwester; Model, das im Film nur kurz auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen ist

Links/Quellen

Schreibe einen Kommentar

*